Renate Niebler

Leben im Kloster
Heilig Blut in Dachau

Leben im Kloster

In einem nördlich an das ehemalige Konzentrationslager Dachau angrenzenden kreuzförmigen Backsteinbau leben seit 1964 etwa 20 Schwestern im Karmel Heilig Blut. Täglich widmen sie sich, in strenger Klausur lebend, der Sühne und gedenken der Opfer des Nationalsozialismus.

Leben im Kloster
Leben im Kloster
Leben im Kloster

Manche Orte tragen Namen, die auf alle Zeit für die Greuel stehen, die dort begangen wurden. In Dachau haben die Nationalsozialisten knapp zwei Monate nach der Machtergreifung ihr erstes Konzentrationslager errichtet. Nicht einmal drei Jahrzehnte später schrieb die Karmelitin Mutter Maria-Theresia an den Münchner Kardinal Julius Döpfer:

„Ein Ort, wo so viel gefrevelt wurde, wo so viele Menschen Unsagbares gelitten haben, dürfte nicht zu einer neutralen Gedenkstätte oder gar einem Besichtigungsort erniedrigt werden. Es sollte stellvertretende Sühne geleistet werden durch das Opfer unseres Herrn Jesus Christus und verbunden damit durch das Opfer und die Sühne von Menschen, die sich diesem leidenden und sühnenden Herrn in Liebe und Gehorsam anschliessen.“

Mutter Maria-Theresia war Gründerin und erste Priorin des Karmels Heilig Blut in Dachau. Die Schwestern dieses Ordens sind nicht zur Sühne für die Nazi-Verbrechen ihrem Orden beigetreten. Aber sie haben sich ganz bewusst für das Kloster in Dachau entschieden.

Durch den früheren nördlichen Wachturm betritt man den Vorhof des Klosters. Seine architektonische Anlage erinnert an die Baracken, die einmal hier standen. Alle Klosterzellen schauen auf das frühere Lagergelände.

Für das, was an diesem Ort geschah, darf es kein Vergessen geben. Der Karmel Heilig Blut in Dachau hat Teil am notwendigen Wachhalten der Erinnerung. Die Schwestern, die heute hier leben, kennen die so oft zitierte jüdische Weisheit „Das Geheimnis der Erlösung heisst Erinnerung“. Sie leisten ihren Teil auf ihre Weise: nicht mit dem Versuch, eine schreckliche Vergangenheit zu bewältigen (als ob dies überhaupt möglich wäre); aber in dem Wunsch, mit ihrer Schwesterngemeinschaft ein Zeichen der Versöhnung zu sein.

Gerade der Jahrhunderte alte Orden des Karmels sieht seinen Sinn im betenden Dienst. Aus dem Ort des Grauens ist ein Ort der täglichen Sühne geworden, auf den Hass ist das Gebet gefolgt.

Der Blick in eine abgeschlossene Klostergemeinschaft zeigt zuerst und vor allem die Rituale, die Strenge vorgeschriebener Tagesabläufe. Die Wahrheit hinter den Formen eines solchen Lebens ist Aussenstehenden verborgen. Sie aufzudecken bleibt Versuch; der fotografische Blick hinter Klostermauern kann eine Möglichkeit des Begreifens sein.

Goethe schrieb: „Das Wahre, mit dem Göttlichen identisch, lässt sich niemals von uns direkt erkennen: wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen; wir werden es gewahr als unbergreifliches Leben und können dem Wunsch nicht entsagen, es dennoch zu begereifen.“ (Wilfried Hommen, Köln)

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